Falscher Zusammenhang: Kaiserschnitt und Autismus

Wer bei Google die Stichworte "Kaiserschnitt" und "Autismus" eingibt, wird rasch bedient: "Autisten durch Kaiserschnitte" heißt zum Beispiel eine Schlagzeile. In einschlägigen Artikeln zu Risiken des Kaiserschnitts wird darauf verwiesen, dass die "mittels Kaiserschnitt geborenen Kinder häufiger unter Autismus leiden". Ein gefundenes Fressen für Kaiserschnittgegner also. Aber Obacht, so einfach ist die Sache nicht.

Auf dem diesjährigen europäischen Kongress der Diabetologen, der EASD 2014, in Wien, wurde eine Studie zum Thema "Autismusrisiko und Diabetes in der Schwangerschaft vorgestellt. In dieser Studie wurden die Versicherungsdaten der Kaiser Permanente Versicherung von 315.827 werdenden Müttern und ihren Kindern ausgewertet. Die Kinder wurden in den Jahren 1995 bis 2009 geboren, Mehrlinge waren ausgeschlossen. Eingegangen sind die Daten aller Kinder aus dem Vorsorgeprogramm der Versicherung bis Ende 2012 oder bis zur Diagnose von Autismus. 25.035 der Mütter bekamen einen Gestationsdiabetes.

Sie wurden für die Studie nochmals in 2 Gruppen aufgeteilt: Bei 5.891 Frauen musste die Erkrankung medikamentös behandelt werden, war der Diabetes als schwerwiegend, bei 19.144 Frauen reichten Ernährungsumstellung und Sport aus, handelte es sich also um eine leichtere Form, die das Kind auch weniger einer Überzuckerung aussetzt, die potentiell schädlich für das Gehirn sein kann.

Während bei den Kindern der stoffwechselgesunden Mütter 1,77 Fälle von Autismus pro 1.000 Personenjahre auftraten, betrug die Inzidenz in der Gruppe mit leichtem Schwangerschaftsdiabetes 1,96/1.000 und bei schwerem 2,75/1.000. Damit war das Autismus-Risiko der Kinder von Müttern mit der leichteren Zuckerkrankheit um relative 8% erhöht, in der Gruppe mit therapiebedürftigem Diabetes um relative 45% erhöht.

Was sagen uns diese wichtigen Beobachtungen? Nun, wir wissen bereits, dass Mütter, die unter Schwangerschaftsdiabetes leiden, häufiger einen Kaiserschnitt benötigen. Das ist nicht nur deshalb so, weil die Kinder (wegen der Überzuckerung während der Schwangerschaft) viel größer sind als Kinder von stoffwechselgesunden Müttern. Es ist zudem so, dass die bei übergewichtigen Schwangeren und auch bei solchen, die in der Schwangerschaft zuckerkrank werden, die Mikrostruktur der Gebärmutter so beschaffen ist, dass sie nicht so kraftvolle Wehen haben. Die glatten Muskelzellen der Gebärmutter sprechen nicht so gut auf Oxytocin und andere Wehenmittel an.

Weil das so ist, verlaufen die Geburten oft protrahiert, verzögert, und es wird öfter ein Kaiserschnitt nötig. Wenn also diabeteskranke Schwangere öfter einen Kaiserschnitt benötigen, aber gleichzeitig ein höheres Risiko haben, dass ihre Kinder später einen Autismus entwickeln, dann liegt hier der Zusammenhang: Nicht der Kaiserschnitt macht autistisch, sondern Mütter mit Kaiserschnitt haben häufiger eine Gesundheitsstörung, die dieses Risiko für die Kinder erhöht. Also ist es nicht plausibel, das Risiko für Autismus dem Kaiserschnitt anzulasten.

Dies ist ein gutes Beispiel, um zu zeigen, wie so manches Vorurteil gegenüber dem Kaiserschnitt entsteht und wie wenig fundiert solch ein Vorwurf ist. Es gibt also keine wissenschaftliche Begründung dafür anzunehmen, dass der Kaiserschnitt ursächlich das Autismusrisiko von Kindern erhöht.

Quellen:

Google-Suche / Beispiel vom 30. September 2014: https://www.google.de/?gws_rd=ssl#q=Autismus+Kaiserschnitt

50th Annual Meeting of the European Association for the Study of Diabetes (EASD 2014), 15. bis 19. September 2014, Wien
http://www.easd.org und dort: Xiang AH, oral presentation #156
http://www.easdvirtualmeeting.org/resources/16892

Reisdorf S: Medscape Deutschland (Mehr Gestationsdiabetes – mehr Autismus bei den Kindern?) 23. 9. 2014  http://www.medscapemedizin.de/artikel/4902630

Günter HH, et al: Geburtshilfe und Frauenheilkunde 2006;66(1):1073-1080 http://dx.doi.org/10.1055/s-2006-924690

Wang Z, et al: Int J Gynaecol Obstret 2013;121(1):14-19 http://dx.doi.org/10.1016/j.ijgo.2012.10.032

Al-Qahtani S, et al: Diabetologia 2012;55(2):489-498               http://dx.doi.org/10.1007/s00125-011-2371-6