Wenn Ideologie tödlich ist - Hebamme verurteilt

Erst vor gut einem Monat habe ich im ersten Blogbeitrag auf die Problematik einer Beckenendlagengeburt (BEL) aufmerksam gemacht. Das Gerichtsurteil, das gestern verkündet wurde, erscheint wie ein Fallbeispiel zur Studie: Eine Hebamme in Dortmund wurde zu mehr als sieben Jahren Haft verurteilt, weil sie im Verlauf einer langwierigen Beckenendlagengeburt die Mutter partout in keine Klinik bringen wollte. Die Richter waren überzeugt, dass ein rechtzeitiger Kaiserschnitt das Kind hätte retten können.

Was daran besonders tragisch ist: 17 Stunden erfolglose Wehen haben die Hebamme nicht überzeugt, dass dieser Verlauf mehr verlangt, als eine Hebamme kann. Wie ideologisch verblendet muss man sein, um in einem solchen Fall zu verleugnen, dass hier die natürliche Geburt nicht den besten Ausgang verspricht? Es ist ja nicht so, dass plötzlich ein Problem auftrat, dass mit den begrenzten Möglichkeiten einer Hausgeburt nicht beherrscht werden konnte. Quasi vorsätzlich hat man hier dem Schicksal seinen Lauf gelassen, obwohl genügend Zeit gewesen wäre, anders zu handeln.

Diese Hebamme war zusätzlich Ärztin, so lauten jedenfalls die Agenturmeldungen. Sie hätte umso eher über Komplikationen bei einem solchen Verlauf Bescheid wissen müssen. Daher lässt so ein Verhalten nur den Schluss zu, dass wider alle offensichtlichen rationalen Gründe an einer Ideologie festgehalten wurde, an der fatalen Ideologie, dass es eine natürliche Geburt sein muss, nach dem Motto: Koste es was es wolle, und sei es das Leben eines Kindes.

Noch einen Punkt finde ich erwähnenswert: Die Mutter wollte selbst ausgesprochen eine Hausgeburt, daher suchte sie sich eine Hebamme, die mit Hausgeburten Erfahrung hat. Sie ist hierfür extra aus Lettland nach Deutschland gereist. Es ist unklar, ob deshalb die Hebamme ihre "klinikfeindliche" Geburtspolitik eher durchsetzen und so vielleicht immer wieder die Mutter vertrösten konnte.

Allerdings zeigt der Fall eines: Es gibt keine Garantie dafür, dass eine Hebammenausbildung plus Medizinstudium genügend Sachverstand vermitteln, um eine solche Situation nicht eskalieren zu lassen. Die aggressive Verteidigung der Hausgeburt schafft ein erkennbar gefährliches Biotop für Unverbesserliche.

Quellen:

Süddeutsche Zeitung vom 1. Oktober 2014 http://www.sueddeutsche.de/panorama/toedliche-hausgeburt-hebamme-zu-fast-sieben-jahren-haft-verurteilt-1.2156526