Die Mär vom Dammschutz oder warum Geburtshelfer manchmal nicht wissen, was sie tun

Dammschutz hört sich gut an, oder? Schutz für den Damm unter der Geburt. Geht man in einschlägige Auskunftsforen im Internet, schützt angeblich die Hebamme den Damm der Gebärenden, indem sie mit ihren Händen das Heraustreten des Kopfes durch den Geburtskanal dirigiert. Je nach Erklärung liegt eine Hand am Damm - zwischen Anus und Scheidenausgang, die andere am Kopf des Kindes (Kopfbremse). Das mindere die Gefahr, dass die mütterlichen Weichteile einreißen und das Kind durch falsches Beugen des Kopfes Schaden nimmt. So heißt es z.B. bei Navigator-Medizin.de. Stimmt das?

Nein! Denn die wissenschaftlichen Studien, die untersucht haben, ob diese so genannte "Hands on" Technik den Damm der Frau nachweislich schützt, kommen zu keinem klaren Ergebnis. Das ist das enttäuschende Fazit einer Übersichtsarbeit von Frauenärzten, Geburtshelfern und Hebammen der Universitätsklinik im englischen Birmingham. Sie haben zunächst nach verlässlichen Studien gesucht, in denen überhaupt zu dieser Frage Stellung genommen wird. Dann haben sie die Qualität der Studien geprüft und leider zeigen die weniger guten Studien zwar einen gewissen Schutzeffekt. Nur - die methodisch besten Studien, die zum Beispiel versuchen, eine Verzerrung durch den Enthusiasmus der Anwender einer Methode herauszuhalten, die können leider nicht bestätigen, dass der aktive Dammschutz mit den Händen am Becken und am Kopf des Babys etwas bringt. Ist es dann besser, die "Hände weg" oder "Hands off" Politik zu verfolgen? Auch das lässt sich nicht mit Sicherheit sagen. Wir brauchen, so die Schlussfolgerung, eine verlässliche, aussagekräftige Studie, die einmal untersucht, was an dem vielfach angepriesenen Dammschutz faktisch dran ist.

Denn es wäre schon wünschenswert, wenn mehr Gebärende unter der Geburt vor Dammschäden bewahrt würden. Man muss davon ausgehen, auch dass schreibt die Autorengruppe aus Birmingham in ihrer Arbeit gleich am Anfang, dass 85% aller Frauen, die auf natürlichem Weg gebären, irgendeine Art von Beckenbodenschaden davontragen. Nicht selten liest man, dass es sich ja in den häufigsten Fällen um "kleinere" Risse handele, die von selbst wieder heilten, nämlich Grad 1 und Grad 2 Risse. Das betrifft immerhin die eingerissene Haut von Scheide und Damm oder auch die Muskulatur.

Grad 3 und 4 - je nach Studie bei bis zu 10% aller vaginalen Geburten anzutreffen - "involvieren" dann auch den Analsphinkter, wie es ein wenig beschönigend genannt wird. Sie können im schlimmsten Fall das Epithel des Analkanals und den Darmmuskel betreffen, alle anderen Strukturen der Grade 1,2 und 3 eingeschlossen.

Dammschutz wäre also wichtig, bleibt aber ein leeres Versprechen, wie die englischen Autoren einräumen müssen. Wenn man Schwangeren also im Geburtsvorbereitungskurs weismachen möchte, die Hebamme könne beim Durchtritt des kindlichen Kopfes irgendetwas "kontrollieren", so ist das schlichtes Wunschdenken. "Alte Hebammenkunst", auch dieser Ausdruck wird gerne im Zusammenhang mit Dammschnitt verwendet, hört sich gut an, aber es ist nichts dahinter, wenn man es wie beim Dammschutz einmal wissenschaftlich auf Herz und Nieren prüft.

Quellen:

Bulchandani S, et al: Manual prineal suppport at the time of childbirth: a systematic review and meta-Analysis. BJOG (online)15. Mai 2015

http://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/1471-0528.13431/abstract