Aufklärung über die Risiken der natürlichen Geburt ist ein Muss: 5,25 Millionen Pfund Entschädigung für eine Mutter

Es sei "ganz bestimmt der bedeutendste Urteilsspruch über ärztliches Fehlverhalten in den letzten 30 Jahren", urteilt der Rechtanwalt Fred Tyler über den Schuldspruch des englischen Supreme Court. Dies ist nicht nur Eigenlob, weil Tyler diesen Fall über 16 Jahre und viele Rückschläge für Nadine Montgomery durchgefochten hat. Sie erhält jetzt 5,25 Millionen englische Pfund dafür, dass ihre Ärztin versäumt hat, sie als diabeteskranke Schwangere über die Risiken einer natürlichen Geburt aufzuklären. Dann hätte sie im Jahr 1999 womöglich von vorneherein den Kaiserschnitt gewählt und ihrem Sohn Sam wäre der Sauerstoffmangel erspart geblieben, der ihn auf Dauer zu einem behinderten Menschen machte. 

Am 1. Oktober 1999 wurde Sam Montgomery im Bellshill MAtErnity Hospital in England geboren. Seine Mutter leidet an Typ 1 Diabetes und war bei Geburt eine zarte kleine Person. Das Risiko, dass dann die Schulter des Kindes bei der Geburt stecken bleibt, beträgt immerhin 9 bis 10 % in solchen Fällen. Obwohl ihrer Ärztin, Dr. Dina McLellan, dies klar war, hatte Sie die Patientin bewusst nicht darüber aufgeklärt. Sie verschwende keine Zeit mit solcher Aufklärung, und außerdem hätte sich Frau Montgomery sonst wohl für eine Sectio entschieden, aber "ein Kaiserschnitt liege nicht im Interesse von Schwangeren", so die Einlassung der Ärztin. 

Einer der Richter hat ganz klar erkannt, dass dies keine rein medizinisch begründbare Ansicht ist, sondern die Beweggründe für die "Nichtaufklärung" ganz woanders herrühren: "Es sieht in gewisser Weise danach aus, als sei die vaginale Geburt dem Kaiserschnitt moralisch vorzuziehen". Bei der Ärztin stand als Ideologie fest, dass die natürliche Geburt das Bessere sein müsse. Das könne aber nicht Grundlage für Aufklärung sein. So war die Ärztin blind gegenüber ihrer Pflicht, über die Gefahren der natürlichen Geburt aufklären zu müssen. Der Arzt hat jedoch die Pflicht, die Risiken objektiv zu benennen, der Patient entscheidet selbst darüber, ob er sie eingeht, oder einen anderen Weg wählt. Dass der dem Arzt nicht passt, darf nicht Maßstab dafür sein, was er preisgibt oder was er für sich behält.

Dieses Urteil wird einmal als Meilenstein in die Geschichte der Geburtshilfe eingehen. Nicht nur der jahrelange Kampf der Mutter um ihr Recht auf Aufklärung, nicht nur der Gang zum Supreme Court, dem höchsten Gericht in England, nicht nur die spektakuläre Summe, die Mutter und Sohn jetzt erhalten, sind das Besondere.

Das Bemerkenswerte an dem Fall sind zwei Dinge: Zum einen zeigt er, wie die Ideologie, die natürliche Geburt müsse immer das Bessere sein, auch Ärzte verblendet. So verblendet, dass sie sogar Risiken trotz besseren Wissens vorsätzlich vor der Mutter verschweigen. Zum zweiten macht er klar, dass künftig jene Hebammen und Ärzte, die diese Risiken verschweigen und nicht offen thematisieren, keine Entschuldigung mehr haben, wenn etwas schief geht. Jetzt kehrt sich die Beweispflicht um, sie müssen dartun, dass sie auf alle Gefahren auch wirklich hingewiesen haben.

Zu bedenken ist auch, dass es keine ungewöhnliche Situation war, die hier dazu führte, ein Lebensschicksal und das Leben einer Familie von Grund auf zu verändern. Immer wieder stehen Mütter mit chronischen Krankheiten, mit Diabetes oder Übergewicht vor den gleichen Geburtsrisiken. Es ist schlimm genug, dass sie und das Krankenhaus gezwungen werden, medizinisch zu begründen, wenn sie einen Kaiserschnitt wollen. Solche Fälle zeigen klar, wie richtig es ist, bei jeder Geburt so vorsichtig wie möglich zu entscheiden: Defensive Geburtsmedizin ist nichts, wofür man sich entschuldigen oder rechtfertigen müsste.

Quellen:

Leroy C. Edozien:UK law on consent finally embraces the prudent patient Standard; BMJ 2015;350:h2877

Mcbeth J, Dickson B: Mother awarded 5 Million Pound after 16-year fight over her brain-damaged son as court finally rules that negligence caused her son's disabilities: Daily Mail vom 12. März 2015