Damit sie wissen, was sie tun: Ärzte sollen Frauen vor den wahren Risiken einer natürlichen Geburt warnen

In dem Blog http://cesareandebate.blogspot.de/ meiner Kollegin Pauline Hull in England habe ich erstmals diesen Satz gelesen: "Birth is natural - such is earthquake" (Eine Geburt ist etwas Natürliches - ein Erdbeben auch). Es gibt eine deutsche Entsprechung: "Zu keiner Zeit ist das menschliche Leben aber so vielen Gefahren ausgesetzt, als zu der Zeit, wo ein neues Geschöpf sein Daseyn erhalten soll". Es stammt von dem Hebammenlehrer Karl Friedrich Senff aus Halle von 1812. Wir haben uns einfach daran gewöhnt, die natürliche Geburt als das Gegebene anzusehen und ihre Risiken auszublenden. Niemand benötigt eine Rechtfertigung dafür, sie zu empfehlen, sie ist immer unhinterfragt die erste Wahl. Dass man über die Risiken des Gebärens nicht ebenso umfassend aufklären muss wie über die einer Operation oder eines anderen medizinischen Eingriffs, spielte lange Zeit den Gegnern des Kaiserschnitts in die Hände. Damit soll jetzt Schluss sein, zumindest in England, heißt es in einem Artikel der Journalistin Clare Wilson in der Zeitschrift "New Scientist": Künftig sollen Frauen über die Gefahren einer natürlichen Geburt umfassend belehrt werden müssen.

Erstmals in der Geschichte der englischen Geburtshilfe könnten künftig Ärzte sogar offiziell dazu verpflichtet werden, schwangeren Frauen die Risiken einer natürlichen Geburt ausführlich und umfassend vor Augen zu führen. Zwei dramatische Ereignisse haben die Geburtshelfer auf der Insel nämlich nachdenklich gemacht und an dem Primat der natürlichen Geburt um jeden Preis zweifeln lassen.

Zum einen ist es das wegweisende Urteil des Supreme Court vom letzten Jahre: Nach 16 Jahren des Prozessierens wurde einer Diabetikerin die Schadenssumme von mehr als 15 Millionen Pfund zugebilligt. Diese Frau war wissentlich nicht darüber aufgeklärt worden, dass ihr Kind bei einer natürlichen Geburt eher Schaden nehmen könnte als bei einem Kaiserschnitt. Der vorsitzende Richter bewertete dies als "medizinischen Paternalismus". Der Fall schlug nicht nur in der britischen Presse Wellen (s. in diesem Blog den Beitrag vom 13. September 2015). 

Zum anderen haben die leidvollen Erfahrungen zahlreicher Eltern im Morecambe-Desaster dazu geführt, die Anti-Kaiserschnitt-Ideologie zahlreicher Protagonisten in neuem Licht zu sehen: Wegen der ignoranten Ideologie von mehreren Hebammen wurden in der Morecambe-Klinik im Norden Englands zahlreiche Kinder mit schwerwiegenden und dauerhaften Schäden geboren oder verstarben sogar, weil trotz hoher Risiken eine natürliche Geburt erzwungen wurde und die Wünsche der Eltern ignoriert wurden.

Wilson mahnt in ihrem jüngsten Artikel zu Recht, dass sich die Verhältnisse beim Gebären massiv verändert haben: Viele Mütter sind heutzutage 30 Jahre oder älter, damit steigen die Risiken, nicht zuletzt für den Beckenboden, erheblich. Sie verweist auf jüngste Publikationen aus Australien, wonach sich das Risiko für einen Abriss von Teilen des Beckenbodenmuskels mit jedem Jahr mehr um sechs Prozent erhöht. Es gibt Aufklärungsbögen für Kaiserschnitt, mitunter werden Risiken erwähnt, die bei 1:1000 liegen, aber für die natürliche Geburt gibt es keine solchen Bögen. Dabei beträgt das Risiko, dass der Schließmuskel des Enddarms reißt, 15 Prozent, wenn man beim ersten Kind 38 Jahre alt ist. Daher beraten die britischen Frauenärzte nun, ob man die Warnungen vor den Gefahren einer natürlichen Geburt zur Pflicht machen soll.

Ein höchst sensibles Thema, sagt ein Gynäkologe. Das ist es zweifelsohne, aber es ist auch dringend notwendig, endlich offen darüber zu debattieren, wie hier mit zweierlei Maß gemessen wird. Manchen geht der jüngste Vorstoß sogar noch nicht weit genug: Es gibt den Vorschlag, die Schwangeren ein Papier abzeichnen zu lassen, dass sie hinreichend über die Risiken aufgeklärt wurden, ebenso, wie dies beim Kaiserschnitt Pflicht ist. Der Artikel zitiert die klare Ansage von Bryan Beattie, einen Gynäkologen im Nationalen Gesundheitsdienst NIH. Eine Frau könnte der Meinung sein, sie ertrage eine Wundinfektion nach einem Kaiserschnitt (die schließlich vorübergeht), aber nicht eine Stuhlinkontinenz für ihr weiteres Leben, so der Frauenarzt: "Obwohl man die Wahl haben sollte, das zu entscheiden, ist dies nicht möglich, wenn man darüber nicht informiert wurde". Die Briten wären die ersten, die die natürliche Geburt damit einem medizinischen Eingriff gleichsetzen würden, zu dem eine Frau einwilligen muss, wenn sie über alle Eventualitäten aufgeklärt wurde. Das - und dies ist nicht das unwichtigste Ergebnis dieser Initiative - billigt dem Kaiserschnitt damit zu, eine echte Alternative zu sein.

Quellen:

Wilson C: IK Doctors may officially warn women of vaginal birht risks. New Scientist 2016; 3081 (veröffentlicht am 9. Juli 2016) https://www.newscientist.com/article/mg23130813-000-uk-doctors-may-starting-warning-women-of-childbirth-risks

Edozien LC: UK law on consent finally embraces the prudent patient Standard; BMJ 2015;350:h2877

Glaser E: The cult of natural childbirth has gone too far . The Guardian vom 5. März 2015  https://www.theguardian.com/commentisfree/2015/mar/05/natural-childbirth-report-midwife-musketeers-morcambe-bay