Von wegen sanft: Wassergeburt im Becken schadet dem Beckenboden

Das Internet ist voll von Seiten, die die Vorteile einer Wassergeburt anpreisen. Auf der ARDO Homepage* liest sich das etwa in einem Beitrag vom 2015-02-24 10:43 so:

Wassergeburt Die sanfte Entbindungsform im Wasser

Kliniken werben damit, wenn sie Wassergeburten anbieten und wollen diese Vorteile auch belegen. So zeige zum Beispiel eine Studie der Klinik in Bensberg, dass es unter Wasser weniger Dammrisse gebe. Wörtlich steht da auf bei ARDO:  Ein weiterer Vorteil der Wassergeburt ist, dass ein potentieller Dammriss meist nur oberflächlich und klein ist und oft nicht einmal genäht werden muss, da die Muskulatur entspannter und das Gewebe elastischer und weicher ist. Spätestens am 5. Tag ist er wieder verheilt.

Ist das so? Mitnichten. Eine Studie aus Liverpool, 2016 veröffentlicht im Rahmen eines internationalen Urogynäkologiekongresses, lässt sogar vermuten, dass das Gegenteil der Fall ist: Bei Wassergeburten steigt offenbar das Risiko für schwerwiegende Verletzungen am Schließmuskel des Darms.

Insgesamt 15.734 Schwangere mit niedrigem Risiko für Geburtskomplikationen in die Studie eingeschlossen, die von 2008 bis 2014 an der Frauenklinik in Liverpool (Liverpool Women's Hospital) vaginal entbunden haben. Es handelte sich um eine von Hebammen geführte Geburtsabteilung. 1.244 haben ihr Kind im Wasserbecken zur Welt gebracht, 14.490 "an Land", wie es im Englischen Original heißt. Die Rate von Verletzungen am Schließmuskel des Enddarms (obstetric anal Sphinkter injury oder OASI) betrug 3,29 Prozent bei den Wassergeburt. In 1,60 Prozent kam es zu Einrissen am Anus bei jenen Frauen, die nicht im Wasser entbunden haben. Damit verdoppelt die Wassergeburt das Risiko, dass der Kontinenz-erhaltende Darmschließmuskel Schaden nimmt. Das Ergebnis gilt nach den Regeln der Statistik als signifikant, man darf davon ausgehen, dass es sich nicht durch Zufall erklären lässt.

Vor allem Erstgebärende sollten sich gut überlegen, ob sie sich zu einer Wassergeburt überreden lassen, denn bei ihnen lag das OASI-Risiko noch höher, bei 5,03 Prozent. Jede Frau müsse über diese Beobachtungen aufgeklärt werden, fordern die Experten der Studie. Sie vermuten als Erklärung für ihre Beobachtungen, dass es im Wasser schwieriger ist, die Geburt zu dirigieren und den Damm zu schützen.

OASI gilt als eine besonders gravierende Komplikation einer natürlichen Geburt. Solche Schäden nehmen immer mehr zu, vermutlich auch deshalb, weil inzwischen immer genauer hingeschaut wird und auch bildgebende Verfahren wie Ultraschall eingesetzt werden, um Verletzungen zu erkennen, die mit dem bloßen Auge nicht sichtbar sind. So konnte mit Endoanalem Ultraschall (mit Einführen des Schallkopfes in den Analkanal) bei Erstgebärenden eine Rate von 26,9 Prozent zuvor unerkannten Verletzungen festgestellt werden, von denen ein Drittel deutliche Beschwerden verursachte.

Hinzu kommt, dass immer öfter größere und schwerere Kinder geboren werden (die Schwangeren haben immer öfter Übergewicht und Stoffwechselstörungen wie Diabetes, das lässt die Kinder im Mutterleib stärker wachsen). Erstgebärende sind heute auch älter als früher, das Gewebe ist dann nicht mehr so elastisch. Es gibt vielfältige andere Gründe dafür, dass man heute öfter als früher solche Verletzungen am Darm nach natürlichen Geburten beobachtet. Sie sind oft nur mit eingeschränktem Erfolg zu behandeln, die Frauen verlieren unkontrolliert Winde, manchmal auch flüssigen und festen Stuhl. Sie sind sozial massiv beeinträchtigt. Wichtig zu wissen: Wer einmal einen Riss dieser Art erlitten hat, dessen Risiko bei einer weiteren Geburt noch mehr Schaden zu erleiden, ist sehr hoch.  

Quellen:

1. ARDO Blog für Frau, Mutter und Kind zur Wassergeburt: http://www.ardomedical.de/blog/vor-und-nachteile-der-wassergeburt.html

2. Preston H, et al: Does pool birth increase the risk of obstetric anal sphincter injury? British Journal of Obstetrics and Gynaecology. Abstractband zum Kongress Urogynaecology Abtract Nr. FC10.009 http://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/1471-0528.14090/full http://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/1471-0528.14090/abstract

3. Oberwalter M, et al: Metanalysis to determine the incidence of obstetric anal sphincter damage. British Journal of Surgery. 2003;90:1333-1337

* Es handelt sich um einen Blog auf der Homepage eines Schweizer Unternehmens, das medizinische Produkte vertreibt: Ardo medical GmbH 82234 Oberpfaffenhofen / Deutschland